Oberbayerisches Volksblatt 10.12.2015

Von Nina Kallmeier

Strahlungen und Störungen messen

 

Ein Fernsehbild, das immer wieder einmal verzerrt, hat früher zum Alltag gehört. Damit sich elektrische Geräte nicht untereinander stören, gibt es elektromagnetische Verträglichkeitsprüfungen (EMV).

 

Aus der Militärtechnologie kommend, ist die J. Schmitz GmbH mit Sitz in Rosenheim heute ein mittelständisches Prüflabor, das hauptsächlich technische Geräte jeder Größenordnung im zivilen und industriellen Bereich auf Verträglichkeiten prüft.

 

Rosenheim – Es ist ein unscheinbarer Raum mit einer Tür, die im ersten Moment an einen Tresor erinnert. Ein Meter lange Graphitschaum- Spitzen kleiden die Wände aus, nur eine Antenne und ein Holztisch, auf dem der Prüfkörper aufgebaut wird, stehen im Raum.

 

„Der Graphit in den Schaumstoff-Absorbern sorgt dafür, dass das elektromagnetische Feld nicht von den Wänden reflektiert wird. Es saugt die Felder auf“, erklärt Josef Schmitz, der die erste EMV-Halle 1985 errichtete. „Dieses Investitionsvorhaben in einem mittelständischen Betrieb war zur damaligen Zeit aufgrund des technischen Risikos und der Investitionshöhe eine kleine Sensation in Deutschland“, so der Geschäftsführer, der das Unternehmen heute zusammen mit Thomas Mauk leitet.

 

Zu Beginn der Firmengeschichte wurde die Halle hauptsächlich im wehrtechnischen Bereich zum Nachweis der Abhörsicherheit und Festigkeit gegen nukleare Bedrohung genutzt. „Für den zivilen Bereich gab es zu dem Zeitpunkt noch keine gesetzlichen EMV-Vorschriften“, erinnert sich Schmitz.
Das änderte sich 1989 mit der Herausgabe einer europäischen EMV-Richtlinie und der nationalen Umsetzung durch das EMV-Gesetz 1996. „Seit diesem Zeitpunkt ist eine Prüfung der elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) rechtlich zwingend vorgeschrieben und durch das inzwischen bekannte CE-Zeichen bestätigt.“ Für das Rosenheimer Unternehmen bedeutete diese rechtliche Änderung die Öffnung zu einem neuen Markt und neuen Kunden – und eine Investition
von rund 2 Millionen D-Mark.

 

Vom Zahnarztbohrer bis zum Rasenmäher

 

Ob Zugzielanzeiger, Fahrgastinformationssysteme, PCs, Spielzeug, Zahnarztbohrer, Rasenmäher oder Fitnessgeräte, alles, was durchdie Tür der EMV-Halle passt, können die fünf Diplomingenieur

in Rosenheim auf elektromagnetische Verträglichkeit prüfen. Dabei wird eine Antenne auf den Prüfling gerichtet, diese baut ein elektromagnetisches Feld auf, von dem der Prüfling sich nicht

beeinflussen lassen sollte. Ein Filmscheinwerfer zum Beispiel darf jedoch auch weder selbst Hochfrequenz abstrahlen noch elektrische Störspannung auf seiner Netzleitungen zurückspeisen – was in einem zweiten Schritt in einem zweiten Raum untersucht wird.

 

„Keine Prüfung gleicht der anderen. Eigentlich haben wir jeden Tag etwas Neues hier, in das man sich auch als Prüfer immer neu reindenken muss“, sagt Thomas Mauck, der als Geschäftsführer für den technischen Bereich zuständig ist. Mit der Erfahrung wisse man jedoch, wo bestimmte Produktgruppen ihre Schwachstellen haben. „Bei Computern zum Beispiel sucht man besonders die

Störaussendung im Hochfrequenzbereich.“ Diesen Erfahrungsschatz würden sich auch Kunden gerne zu Nutzen machen.

 

„Er ist für uns als Mittelständler von großem Vorteil“, ist sich Josef Schmitz sicher. Denn der größte Anteil der Prüfungen würde in der Entwicklungsphase gemeinsam mit den Kunden durchgeführt. So auch bei dem zehn MW Gasmotor von General Electronic, der zum Beispiel auch in Rosenheim steht: „Wir durften bei der Produktqualifikation in Jenbach mitwirken.“ „Insgesamt geht es Unternehmen in der Entwicklung ihrer Produkte zum Beispiel um die Frage, wie nah sie an Grenzwerten sind oder woher bestimmte Störungen kommen“, fügt Thomas Mauck hinzu.

 

Aber auch Großprojekte wie Windkraftanlagen werden von Mitarbeitern des mittelständischen Unternehmens geprüft – allerdings nicht im Labor, sondern im Feldversuch vor Ort. „Diese Prüfungen unterscheiden sich von jenen bei uns im Labor. Eine störungsfreie Umgebung ist da natürlich nicht

vorhanden beziehungsweise bei den Störeinstrahlungen nicht zu gewährleisten“, so Mauck. In diesem Fall gehöre eine theoretische Bewertung der Richtlinien-Konformität mit dazu sowie eine Risikoanalyse.

 

EMV-Gutachten hat das Rosenheimer Technologiezentrum in diesem Bereich schon für Firmen

wie Nordex, ein börsennotiertes Unternehmen der Windenergiebranche, dessen Kerngeschäft die Fertigung, Errichtung und Wartung von Windkraftanlagen ist, erstellt. Aber auch für die Bayernwerke hat die J. Schmitz GmbH 110 kV Umspannwerke begutachtet.

 

„Dienstleister für die Region“

 

Neben elektrischen Geräten und Großanlagen ist das ursprüngliche Standbein des Unternehmens, die Wehrtechnik, mittlerweile zum kleinsten und dritten Standbein geworden. Nur rund zehn Prozent macht sie aus. „Das liegt auch daran, dass der wehrtechnische Markt sehr viel kleiner geworden

ist. In diesem Bereich kooperieren wir mit der benachbarten Firma Elnic, aus der unser Unternehmen vor 30 Jahren entstand“, sagt Josef Schmitz.

 

Insgesamt sieht Schmitz das Technologiezentrum als Dienstleister für die Region. Dementsprechend ist auch das Kundenprofil. Hauptsächlich arbeitet die J. Schmitz GmbH – wenn es um elektrische Geräte geht – mit Unternehmen aus Oberbayern und dem grenznahen Bereich in Österreich zusammen. „Der Anteil letzterer ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Es gibt im erweiterten

Grenzbereich in Tirol und dem Bundesland Salzburg viele innovative mittelständige Firmen, das wird oft unterschätzt.“ Die kurzen Wege würden von den Kunden geschätzt. Windanlagen werden jedoch deutschlandweit geprüft.

 

Sowohl die internationalen Prüfnormen als auch die EG-Richtlinien entwickeln sich ständig weiter. „Frequenzbereiche werden ausgedehnt und Prüfverfahren dementsprechend angepasst und erweitert“, fasst Thomas Mauck einen Teil der täglichen Herausforderung zusammen. Eine neue Richtlinie, die im April kommenden Jahres in Kraft tritt, wird das Leistungsspektrum des Unternehmens in Zukunft noch einmal erweitern.

 

Bereits jetzt macht die Prüfung elektromagnetischer Verträglichkeit an Maschinen wie zum Beispiel bei der Firma Krones einen nennenswerten Prozentsatz am Umsatz aus. Mit einer neuen EMV-Richtlinie, die auch im Maschinenbau einen EMV-Dokumentationsnachweis verbindlich vorsieht, könnte sich dieser Anteil am Umsatz künftig noch steigern. „In diesem Bereich sehen wir großes Wachstumspotenzial“, sagt Josef Schmitz. Denn alles, was eine elektronische Komponente enthält, unterliegt der EMV-Richtlinie. „Dazu gehört zum Beispiel der Relaxsessel, der sich elektrisch verstellen lässt oder die Smart-Technologie in Küche und Wohnung“, präzisiert er.

 

Insgesamt plant das Unternehmen im Messbereich weiter zu wachsen – und sich mit der ständigen Erweiterung der Verfahren zu einem EMV-Kompetenzzentrum weiter zu entwickeln.

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